Ein Beitrag
von Alena Voigt und Lena Lemke
Wer heute durch Erlau geht, ahnt kaum, dass der Bahnhof einst kurz vor dem Abriss stand. In den Jahren 1890/91 erbaut, war er über Jahrzehnte ein Ort des Ankommens und Abschieds, später diente er als Wohnhaus. Dann stand das Gebäude 15 Jahre lang leer und verfiel zusehends.
Doch wenn man den Vereinsmitgliedern vom Generationenbahnhof Erlau e. V. zuhört, könnte man meinen, Denkmalpflege und Bahnhofsrettung seien ein Kinderspiel. Erst beim Nachbohren stößt man doch auf die ein oder andere Hürde, die im Verlauf der Bahnhofssanierung aufgetreten ist.
Im Interview sprechen wir mit Jana Ahnert, Wolfgang Ahnert und Dietmar Meißner darüber, wie ihnen diese Mammutaufgabe gelungen ist. Für kleine Einblicke in das Gespräch hören Sie auch in unsere Audio-Mitschnitte rein. Diese finden Sie über den Text verteilt.
Wolfgang Ahnert erzählt: Wie alles begann
Alena Voigt: Wie war der Zustand des Bahnhofs als ihr entschieden habt,
euch für seine Zukunft einzusetzen?
Wolfgang Ahnert: Wir sind unser Leben lang mit dem Bahnhof und der Eisenbahn groß geworden, aber mit der Wende und den technischen Veränderungen war der Bahnhof nicht mehr besetzt. 1999 sind auch die letzten Bewohner ausgezogen und die Bahn hat sich nicht mehr für das Gebäude interessiert.
Jana Ahnert: Der Bahnhof war damals im Grunde genommen eine Ruine. Er war auch nicht in allen Teilen begehbar. Das Dach war sehr schlecht. Es gab Feuchtigkeitsschäden im mittleren Bereich. Also er war wirklich in einem desolaten Zustand.
Wolfgang Ahnert: Aber zu dem Zeitpunkt gab es kein richtiges Konzept für die Erhaltung des Bahnhofs. Was sollten wir machen? Bloß alleine die Fassade sanieren? Nach und nach ging dann das Dach kaputt und wir haben schon den Untergang des Bahnhofes gesehen. Wir haben uns zwar geärgert, aber wir hatten auch noch keine Ideen und dann kam Jana ins Spiel.
Lena Lemke: Wie ging es dann für euch weiter?
Jana Ahnert: Den Willen zur Erhaltung des Gebäudes gab es hier im Ort und in der Bevölkerung immer. Der Bahnhof ist ein Stück Dorfgeschichte, mit dem Viele Erinnerungen und Geschichten verbinden. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der TU Dresden habe ich damals ein Projekt mit möglichst viel Realitätsbezug gesucht. Meine Idee war es, mit dem Bahnhof ein Plan-Spiel zu machen und wir haben auch die Bahn einbezogen, die Geld für einen studentischen Wettbewerb zur Verfügung gestellt hat. Wir konnten das Gebäude mit den Studierenden besichtigen und haben kleine Bürgerbefragungen und öffentliche Aktionen hier in der Gemeinde durchgeführt. Dann haben die Studierenden ihre Konzepte für die zukünftige Nutzung des Bahnhofs hier im Ort vorgestellt. Und dann hat sich das rumgedreht und aus dem Plan-Spiel mit Realitätsbezug ist Realität geworden. Es kamen Stimmen auf, die meinten: „Und jetzt machen wir das!“
Jana Ahnert erzählt: Der studentische Wettbewerb der TU Dresden
Alena Voigt: Und war das so? Habt ihr dann losgelegt?
Wolfgang Ahnert: 2013 sind hier 150 Leute zusammengekommen. Viele dachten dann, dass das, was die Studenten vorgestellt haben, schon ein fertiger Plan sei. Als bräuchte man bloß noch für die Genehmigung ins Bauamt gehen. Aber so leicht ist es nicht. Zum Glück lief 2014 aber eine neue Förderperiode von LEADER an. Wir sind in dem Fördergebiet Land des roten Porphyr, wo von den Verantwortungsträgern selbst entschieden werden kann, was sie mit dem erhaltenen Geld machen wollen.
Jana Ahnert: Uns war klar, es nützt uns nichts, ein Bürgerzentrum zu etablieren, das nur Kosten verursacht. Wir müssen Nutzungen integrieren, die Miete einbringen, so dass das Gebäude auch etwas erwirtschaftet. Das waren eigentlich so unsere zwei größten Erfolgsfaktoren. Erstens wir müssen es selber machen und zweitens müssen wir dafür sorgen, dass der Bahnhof wieder genutzt wird. Um das umzusetzen, haben wir von Anfang an mit unseren Partnern gemeinsam an einem Konzept für die spätere Nutzung des Bahnhofs gearbeitet. Die Partner, die von Anfang an dabei waren, sind die Tagespflege, die Arztpraxis und der Bürgerbereich - mit dem eigetragenen Verein Generationenbahnhof Erlau. Mit diesen, haben wir alles gemeinsam erdacht und geplant. Und die erste Skizze haben wir hier in Erlau zusammen entworfen. Und damit sind wir dann zu einem Architekturbüro und die haben unsere Vorstellungen umsetzen lassen.
Wolfgang Ahnert: Wir haben den Bahnhof innerhalb von etwas mehr als anderthalb Jahren saniert. Die Maßnahme hat am Ende ungefähr 2,2 Millionen Euro gekostet. Davon haben wir circa 750 000 Euro Fördermittel-Mittel aus der LEADER-Region erhalten und der Rest waren Eigenmittel der Gemeinde. Mit den Mieteinnahmen aus dem Bahnhof sollen die Eigenmittel innerhalb von 12 Jahren refinanziert werden.
Alena Voigt: Das klingt alles so, als wäre euch alles ohne
größere Hürden gelungen. Gab es denn auch Herausforderungen im Prozess?
Wolfgang Ahnert: In der Bauzeit? Hatten wir da große Probleme?
Jana Ahnert: Bodenaustausch, Echter Hausschwamm, Corona…
Wolfgang Ahnert: Ja, da waren Dinge, die plötzlich neu dazukamen. Wie der Hausschwamm, der Bodenaustausch - das ist alles so nicht geplant gewesen. Aber uns sind nicht die Kosten aus dem Ruder gelaufen.
Jana Ahnert: Wir haben halt auch von Anfang an viel Zeit darauf verwendet, einen guten Boden für das Projekt zu schaffen. Wir haben viel Öffentlichkeitsarbeit gemacht, einen Landrat eingeladen, die Kommune hat sich informiert, ob sie das wirtschaftlich überhaupt stemmen kann. Wir haben die Fördermittel angegraben. Wir haben viel Bürgerbeteiligung gemacht. Wir haben eng mit den späteren Nutzern zusammengearbeitet, damit sie auch etwas mieten, was genau ihren Vorstellungen entspricht. Also da haben wir viel Zeit und Energie aufgewendet. Und unser Rat an Projekte, die starten, ist: es hat keinen Sinn gegen Widerstände anzuarbeiten. Man muss immer versuchen, einen guten Weg zu finden, dem alle zustimmen können.
Jana Ahnert erzählt: Ratschläge an Projekte
Wir erzählen da immer gerne die Geschichte von unserem Dachgeschoss, wo das Bauamt gesagt hat: „Dort können keine Aufenthaltsräume rein kommen, es gibt keinen zweiten Fluchtweg.“ Wir hatten eine Sandstein-Säule in der Mitte, da kam der Brandschutz zu dem Schluss: „Die müsst ihr rausmachen, erst dann dürft ihr Aufenthaltsräume einplanen.“ Das hat aber der Denkmalschutz strikt abgelehnt. Und dann ist der Bürgermeister hergekommen und hat gefragt: „Was müssen wir denn machen, damit es genehmigt wird?“ Die Antwort vom Brandschutz war: „Nachweisen, dass eine Evakuierung möglich ist.“ Daraufhin hat die Feuerwehr hier eine große Übung gemacht. Durch das kleine Fenster haben sie einen Feuerwehrmann evakuiert und haben das gefilmt. Das haben wir abgeschickt und dann haben wir die Genehmigung gekriegt.
Lena Lemke: Gab es neben der Finanzen und dem Bau auch persönliche Schwierigkeiten?
Jana Ahnert: Als ich als Vereinsvorsitzende angetreten bin, hatte ich den Gedanken, dass es einen Schneeballeffekt gibt. Dass, wenn es die Räumlichkeiten gibt, immer mehr Gruppen kommen. Das ist nicht eingetreten. Da hatte ich für mich persönlich aber auch einen Lerneffekt: dankbar zu sein, für das, was geschafft ist und nicht immer nur auf das zu gucken, was sein könnte.
Alena Voigt: Was motiviert euch trotzdem dran zu
bleiben?
Einstimmig: Der Bahnhof!
Wolfgang
Ahnert: Nicht nur das Gebäude. Das ist ja das eine. Sondern da ist auch Leben drin.
Dietmar Meißner: Ich bin gebürtiger Erlauer und ich sehe den Bahnhof von Zuhause immer und das macht mich schon stolz. Und ich bin froh, dass das hier so entstanden ist, dank Jana und Wolfgang. Es gibt natürlich auch Kritiker, insbesondere wenn irgendwas investiert werden muss. Aber der größte Teil der Bevölkerung ist froh, dass wir das so geschafft haben und dass hier auch viel los ist.
Jana Ahnert: Also was mich motiviert, sind eben auch die Leute und die Geschichten und die Biografien und dieses Miteinander-gehen. Also das ist das, was mich am Landleben absolut fasziniert. Du bist Teil eines Systems, Teil der Gemeinschaft. Und du musst irgendwie miteinander auskommen. Du kannst dich nicht mit allen zerstreiten. Und mit den Menschen in Interaktion und im Austausch zu sein, dass ist das, was mich antreibt.
Dietmar Meißner: Wir sind stolz drauf, dass wir sowas haben, dass sowas entstanden ist, dass wir sowas geschaffen haben. Und deswegen muss man das am Leben erhalten.
Jana Ahnert erzählt: Die Bedeutung von Gemeinschaft
Den Generationenbahnhof Erlau e.V. wirft so schnell nichts mehr aus der Bahn. Was es für Erfolgsgeschichten wie diese braucht, sind ein gutes Miteinander, ein funktionierendes Nutzungskonzept und ein großes Netzwerk. Mit einer starken Gemeinschaft können kreative Lösungsansätze gefunden und Hürden gemeinsam überwunden werden.
Sie möchten mehr zum Thema Bahnhöfe erfahren oder sich für die Rettung des Bahnhofes in Ihrem Ort einsetzen? Besuchen unseren Thementag 2026!
Sie möchten mehr zum Generationenbahnhof Erlau e. V. erfahren? Hier finden Sie die Präsentation zum Generationenbahnhof Erlau e.V. – vorgestellt von Jana Ahnert zu unserem Thementag 2025.
Thementag 2025 - Raum für Wandel im Kulturhaus Borstendorf
Präsentation: Generationenbahnhof Erlau e.V.
Fotos: DNS, Lena Lemke